Mit Speed zur Olympia in LA
«Zum Glück wusste ich nicht genau, was auf mich zukommt. Vielleicht hätte ich dann das Projekt Olympia-Medaille im Windfoiling nicht in Angriff genommen», so das ehrliche Statement der 24-jährigen Profi-Windsurferin, Elena Šandera, gleich zu Beginn des Austauschs mit dem «Bock». Ins Rollen gekommen sei das Ganze im Coronasommer 2020. Sie stand kurz vor dem Start ihres Medizinstudiums. Die Schaffhauserin verbrachte, wie jedes Jahr, die Sommerferien am Gardasee. «Dort befinden sich immer viele Windsurfer. Mein Vater, der selbst gerne surft, hat mir dann diese Sportart nähergebracht.» Dabei sei sie mit der neuen olympischen Klasse «iQFoiL» in Kontakt gekommen. Šandera stand auf dem Gardasee das erste Mal auf einem Surfbrett. Dennoch sah sie den Weg und das Ziel bereits klar vor ihren Augen: «Ich will nicht nur das Windsurfen erlernen, sondern an den Olympischen Spielen teilnehmen.» Ein grosses Vorhaben, das bereits 2024 geglückt wäre, hätte der Verband nicht nein gesagt – obwohl sie nach etlichen Jahren die erste qualifizierte Schweizerin gewesen ist.
Für den Spitzensport alles zurückstellen
Ein halbes Jahr später, im Januar 2021, packte sie ihre sieben Sachen und ging für drei Monate nach Teneriffa. Während sie ihre ersten Gehversuche auf dem Brett machte, musste sie abends Medizinbücher durchackern. «Parallel ein Studium zu machen? Es war streng. Dennoch hielt ich es zu dieser Zeit für machbar. Vermutlich auch nur, weil der Unterricht aufgrund der Pandemie remote stattfand.» Schnell sei ihr das Hin- und Herfliegen für das Absolvieren von Prüfungen zu anstrengend geworden. Šandera musste sich eingestehen, dass für ihr grosses Ziel nur ein Fokus bestehen darf. An ihre allererste Lektion mag sie sich noch gut erinnern: «Nach nur einer Stunde Surfen überkam mich eine so krasse Müdigkeit, wie ich sie noch nie im Leben hatte.» Das war ein Vorgeschmack auf den straffen und sehr intensiven Trainingsplan. Rückblickend könne sie es kaum glauben, dass sie es bis heute durchgezogen hat.
In 3,5 Jahren von 0 auf Elite-Niveau
Elena Šandera auf ihrem Foil-Surfboard, neben ihr im Motorboot die Trainerin. Es gilt tagaus und tagein, die Fähigkeiten und das Gespür zu verfeinern sowie die Fitness hochzuhalten. Es geht um Geschwindigkeit, das Beherrschen von Manövern und das Testen etlicher Front-Wings, bis der passende gefunden ist. «Der Coach filmt mich viel und gibt Feedbacks. Auf diesem Niveau ist es ein Austausch und kein ‹das hast du gut und das nicht gut gemacht›.» Neuerdings würden auch Sport-Watches zum Zug kommen. Diese analysieren den Weg sowie die Geschwindigkeit und zeigen auf, wieso jemand schneller als der Rest war.
Am Wasser könne der Wind abgelesen werden. Er ist das Zugpferd und muss durchschaubar sein. «Bis zur Boje und zurück gibt es unzählige Möglichkeiten. Trotz anfänglichem Plan musst du während der Fahrt laufend nachjustieren. Der Wind kann von einer auf die andere Sekunde drehen», erklärt die Profisportlerin. Bei bis zu 75 Personen auf dem Feld ist das sogenannte «Dirty Air» ein grosses Thema. Damit sind der Windschatten und die Luftturbulenzen gemeint, welche von den Segeln anderer Surfer voraus oder in der Nähe erzeugt werden.
Physische und psychische Verletzungen
«Mit dem Wissen von heute hätte ich von Anfang an einen Mentaltrainer hinzugezogen», so Šandera. Das Mentale mache etwa die Hälfte, das Windsurfen 30 und der Rest 20 Prozent aus. Sie sei eine emotionale Person. Zwar habe sie viele Hochs, dafür aber dann zwischendurch auch ein richtiges Tief. Für den Fokus bei einem Turnier seien beide Gemütsverfassungen nicht ideal – wenn auch negative Gedanken die Nase ein wenig vorne haben. «Für die perfekte Konzentration muss ich mich selbst in einen neutralen Zustand versetzen können.»
Die Ernährung sei definitiv nicht unwichtig, spiele aber eher eine untergeordnete Rolle. Da beim Training sehr viel verbrannt wird, ist es wichtig genug zu essen. Tendenziell würden Foil-Windsurfer ein paar Kilo mehr als das Normalgewicht haben. «Bei dieser Sportart ist die Rechnung einfach: mehr Gewicht heisst mehr Geschwindigkeit», erklärt die Schaffhauserin. Während Wettkämpfen snacke sie Gummibärchen oder nehme gar puren Zucker zu sich. Nur so könne der immense Energiebedarf irgendwie gedeckt werden.
Vor ein paar Jahren, als das Windfoiling noch ganz neu war, sei die Sache noch ein wenig zaghafter angegangen worden. Unterdessen werde bei Wettkämpfen «mega hart» gepusht. «Es gab bereits gebrochene Beine, Rückenverletzungen und ausgekugelte Schultern.» Wer bei solchen Geschwindigkeiten aufs Wasser fällt, landet gefühlt auf Beton. Schmerzlich sei aber auch die Suche nach Sponsoren. Und diese brauche es. Das Material koste allein jährlich um die 40 000 Franken, eine Startgebühr 350 Franken. Sie hat zwar fast immer ihren Van dabei, schlafe aber gerne zwischendurch in einer Unterkunft. Glücklicherweise hat sie finanzielle Unterstützung in Schaffhausen gefunden.
Ziel: Olympia-Medaille
Familie und Freunde sieht sie sehr selten. Dafür ist der Windsurfing-Zirkus unterdessen ihr neues Zuhause geworden. Das Reisen bereitet Šandera viel Freude, ist aber auch eine logistische und organisatorische Herausforderung: «Ich bin nicht mehr die Elena, welche ich einmal war. Heute flicke ich mein Board, repariere meinen Van, organisiere, plane und lebe sehr unabhängig.» Nichtsdestotrotz möchte sie nicht ihr ganzes Leben dem Sport widmen. Wenn es bereits mit einer Medaille in LA klappt, sei ihr Ziel erreicht und sie könnte bereits in ihr einstiges Leben zurückkehren.