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Kultur
10.08.2026
17.08.2026 10:49 Uhr

Ein lebendiges Stück Schweizer Identität

Martin Hersche, umgeben von Ehrendamen, holte in seiner Karriere 52 Kränze.
Martin Hersche, umgeben von Ehrendamen, holte in seiner Karriere 52 Kränze. Bild: Schaffhauser Kantonaler Schwingverband
In den Sägemehlringen entstanden über die Jahrzehnte hinweg wahre Volkshelden, wie Jörg Abderhalden, welcher dreimal den Königstitel holte. Das Schwingen ist eine Sportart, die bis heute mit der Eidgenossenschaft und deren Traditionen verbunden ist.

Schwingen gehört zur Schweizer Identität wie das Jodeln, Alphorn, Raclette und die Berge. Die höchst fair begangene Sportart hat sich vom einstigen Zeitvertreib der Sennen zu einem modernen Publikumsmagneten gemausert. Die Kranzer werden wie legendäre Gladiatoren gefeiert und der Sieger des Eidgenössischen wird gar zum König auf Lebzeit gemacht. Fast jedes Kind hat bereits einmal zwei Schwinger im Sägemehl kämpfen sehen – oder zumindest davon gehört. Doch wenn es um die Geschichte sowie das Reglement dieser Sportart geht, wird die Luft bereits dünner. Die folgenden Zeilen sollen deshalb jede Leserin und jeden Leser zu einem kleinen Schwinger-Experten machen.

Durchbruch dank Unspunnenfest

Ursprünglich war der Hosenlupf ein spielerischer Kräftevergleich unter Hirten und Bauern, welcher oft an Kirchweihen und Älplerfesten ausgetragen wurde. Als Belohnung winkten damals einfache Naturalien wie ein Stück Käse oder ein Schaf. Die Geburt des Schwingens lässt sich aber nicht an einem Datum festhalten. Erste Darstellungen, im Bereich der Eidgenossenschaft, reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück. Um nach den Wirren der Helvetik Versöhnung zwischen Stadt und Land zu stiften, wurde am 17. August 1805 nahe der Burg Unspunnen bei Interlaken erstmals ein Unspunnenfest durchgeführt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hielt der Sport Einzug in die Städte. Mit der Gründung des Eidgenössischen Schwingerverbandes (ESV), im Jahr 1895, wurden die Regeln vereinheitlicht und aus dem «rauen» Volksbrauch wurde ein strukturierter Nationalsport.

Auf dem Sägemehl geht es zur Sache

Herzstück jedes Schwingfests: der Schwingplatz. Der Schwingring selbst ist meist kreisrund und mit einer ordentlichen Schicht aus Sägemehl bedeckt. Bei kleineren Festen gibt es oft nur zwei bis vier Ringe, während beim kolossalen Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest (ESAF), bei dem eine Arena für rund 50 000 Zuschauende aufgebaut wird, bis zu sieben Ringe parallel genutzt werden. Der Durchmesser eines solchen Schwingplatzes hängt von der Bedeutung der Veranstaltung ab – 8, 10, 12 oder beim Eidgenössischen 14 Meter. In drei Schichten wird loses und körniges Sägemehl verteilt. Je nach Durchmesser braucht es bis zu 35 Kubikmeter. Jede Schicht erhält eine Wässerung. Eine Walze übernimmt das Flachdrücken. Das Endresultat ist eine mindestens 15 Zentimeter hohe Schicht an Sägemehl sowie ein kantig nach aussen verlaufender Rand.

Die Regeln des Schwingens sind zwar einfach, erfordern aber technische Präzision. Ein Gang beginnt und endet immer mit einem sportlichen Händedruck. Die beiden Kontrahenten tragen über ihren Hosen eine strapazierfähige Schwinghose aus Zwilch. Ein Griff an diese Hose ist während des gesamten Kampfes obligatorisch. Hat einer der beiden Schwinger den Griff komplett verloren, unterbricht der Kampfrichter den Gang. Wenn innerhalb des Sägemehlrings ein Schwinger seinen Gegner mit beiden Schulterblättern oder vollständig auf den Rücken bettet, gilt der Gang als gewonnen. Ein ungeschriebenes Gesetz besagt, dass der Sieger aus Respekt dem Verlierer das Sägemehl vom Rücken bürstet. Die ersten beiden Gänge werden zusammen als «Anschwingen» bezeichnet, die dritten und vierten als «Ausschwingen», die fünften und sechsten als «Ausstich». An einem ESAF gibt es zudem einen «Kranzausstich», bestehend aus dem siebten und achten Gang. Anhand des Reglements bewerten die Kampfrichter jeden Gang mit einer Note zwischen 8,5 und 10 Punkten. Die Höchstnote 10 wird für einen sogenannten «Plattwurf» vergeben. Dabei handelt es sich um einen Schwung aus dem Stand oder mit leichtem Anheben, bei dem der Kontrahent direkt und in einem fliessenden Bewegungsablauf in die Rückenlage gebracht wird. Ein Sieg durch Nachdrücken wird mit 9,75 Punkten bewertet. Ein gestellter Gang, also ein Unentschieden, ergibt je nach Kampfverlauf 9 oder 8,75 Punkte. Auch bei einer Niederlage spielt die Aktivität eine Rolle: Für einen offensiv geführten Kampf gibt es 8,75 Punkte, für eine passive Niederlage 8,5 Punkte.

Mit der richtigen Taktik nach oben

Wer einmal ganz oben unter den «Bösen» mitmischen möchte, sollte bereits im Kindesalter als Jung­schwinger einem lokalen Klub beitreten. Dann heisst es üben und an zahlreichen Kämpfen mitmachen. Der Weg an die Spitze benötigt als Voraussetzung den passenden Körperbau, Agilität und einen effizienten Kampfstil. Es gibt sage und schreibe über 100 offiziell registrierte Schwingzüge. Zu den bekanntesten gehören der «Kurz», ein dynamischer Hüftschwung, der «Bur», ein wuchtiger Angriff am Boden, wie auch der «Brienzer» bei welchem es sich um einen Hebelzug mit dem Bein handelt. «Turnschwinger», welche ihre Karriere im Turnverein begonnen haben, sind an ihrer weissen Kleidung auszumachen. «Sennenschwinger» legen traditionellerweise dunkle Hosen und farbige Sennenhemden an.

Ob eine offensive oder deffensive Haltung eingenommen und welcher Griff zum Zug kommen wird, liegt ganz im Ermessen und der Philosophie jedes Schwingers.

Sandro Zoller, Schaffhausen24
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