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Gesellschaft
05.08.2026

Der Overtourism am Rheinfall

Matthias Ackeret.
Matthias Ackeret. Bild: zVg.
Matthias Ackeret schreibt in seiner Kolumne über den Massentourismus am Rheinfall. Zwischen Selfie-Hotspots und Besucherströmen stellt er die Frage, ob die Schweiz den Overtourism tatsächlich beklagen kann, oder ihn selbst gezielt fördert.

Vergangene Woche war ich wieder einmal am Rheinfall. Obwohl ich in unmittelbarer Nähe aufgewachsen war, wurde mir nicht mehr so richtig bewusst, was dies an heissen Sommertagen bedeutet. Obwohl der Rhein nur wenig Wasser führt und ausnehmend viele Felsen aus der weissen Gischt hervorragen, drängelten sich Hunderte von Personen – vornehmlich Asiaten – die enge Treppe zum Känzeli hinunter. Nichts von jener Andächtigkeit, wie sie der grosse Goethe vor 229 Jahren im Angesicht der brachialen Urkraft empfand, was er sogleich seinem Kumpel Schiller in Weimar korrespondierte. Statt Dichterstress gibt es heute nur noch Dichtestress unterhalb des Schloss Laufen. Sogleich musste ich an meinen Kollegen Jörg Huwyler, einen bekannten Filmer aus Luzern, denken. Dessen Dok-Film «Überrannt – Overtourism in der Schweiz» sorgte in diesem Frühjahr im Schweizer Fernsehen für hohe Einschaltquoten, aber auch zahlreiche Beschwerden. Der Vorwurf: Huwyler stehe dem Tourismus zu kritisch gegenüber, indem er zeige, wie asiatische Bevölkerungsmassen die Zentralschweiz und das Berner Oberland überschwemmen.

Was aber keine Fake News sein kann, weil es – wie Huwylers Bilder auch zeigen - stimmt. Die Frage wäre hingegen eine andere: Wollen wir diesen Overtourism überhaupt? Sich darüber zu beschweren, scheint mir aber sehr scheinheilig, da sich die Schweiz nicht nur als Ferienland definiert, sondern weil Schweiz Tourismus mit grossangelegten Kampagnen und Staatsgeldern alles unternimmt, um gerade asiatische oder amerikanische Touristen in unser Land zu locken. Vom Rheinfall her kennen wir das: Die Konzepte um den richtigen Tourismus an unserem Naturwunder sind mittlerweile fast so alt wie der Wasserfall selbst. Allein deswegen war ich bei meinem Rheinfall-Besuch tief entspannt, obwohl ich als gebürtiger Uhwieser unser Naturspektakel nur aus der vierten Reihe bestaunen konnte und selbst für den grossen Parkplatz vor dem Schloss Laufen – lange Jahre kostenlos und damit Symbol Zürcherischer Grandezza - Gebühren zahlen musste. Mit dem Massentourismus ist es für mich ein bisschen wie mit dem Wein. Man unternimmt grosse Anstrengungen, um den Alkoholismus zu bekämpfen. Wird dann aber weniger getrunken – wie jetzt -, plant der Staat die Subventionierung der Winzer und damit auch deren Produkte. Doch zurück zu unserem Thema. Letzten Sonntag vermeldete die Sonntagszeitung bereits eine Hiobsbotschaft aus Interlaken: «Hilfe, die Inder bleiben weg.» Wenn wir Glück haben, sind sie jetzt am Rheinfall.

Schaffhausen24, Matthias Ackeret
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