Die kleine Auszeit direkt am Rhein
Es ist kurz vor zehn Uhr an einem sonnigen Donnerstagvormittag. Der Rhein fliesst ruhig dahin, die Sonnenstrahlen glitzern auf der Wasseroberfläche. Noch ist es still am Lindli. Nur vereinzelt sind Schritte vorbeiziehender Spaziergänger zu hören. Wenige Gehminuten von der Grenze zu Büsingen entfernt steht ein kleiner silberner Lieferwagen. Rundherum warten Tische und Stühle auf die ersten Gäste. «Kannst du mir noch schnell helfen, die Sonnenschirme aufzuklappen und die Blumen auf die Tische zu stellen?», ruft Jaël Schüle ihrer Kollegin Mirjam Zimmermann zu. Mit wenigen Handgriffen ist alles vorbereitet. Jeder Griff sitzt. «Wir arbeiten schon lange zusammen und sind deshalb ein eingespieltes Team», sagt Schüle. Auch wenn die beiden in den vergangenen Jahren oft in unterschiedlichen Schichten gearbeitet hätten, wisse jede genau, wie die andere ticke. Für einen kurzen Moment kehrt Ruhe ein. Die beiden setzen sich an einen Tisch direkt am Rhein und lassen den Blick übers Wasser schweifen. «Schon schön hier», sagt Zimmermann. «Man vergisst manchmal, dass man eigentlich fast mitten in der Stadt ist. Es fühlt sich oft wie eine kleine eigene Welt an – hier ist alles etwas entschleunigt.»
Crêpes als Leidenschaft
Was heute für viele Schaffhauserinnen und Schaffhauser zum Sommer am Lindli gehört, begann vor gut 13 Jahren. Damals war Jaël Schüle gemeinsam mit ihrem damaligen Partner auf Festivals in der ganzen Schweiz unterwegs und bereitete frische Crêpes zu. 2013 stand erstmals Mirjam Zimmermann mit ihr hinter dem Crêpeseisen. Schnell merkten die beiden, dass sie nicht nur gut zusammenarbeiten, sondern sich auch perfekt ergänzen. «Wir wollten irgendwann nicht mehr jedes Wochenende quer durch die Schweiz reisen», erzählt Zimmermann. Der Wunsch nach etwas Beständigem wurde immer grösser. Als der Standplatz am Lindli ausgeschrieben wurde, nutzten sie ihre Chance. «Wir haben uns beworben und mit etwas Glück den Zuschlag erhalten.» Damit war der Grundstein für Lunas Crêpes gelegt. Dass die beiden heute ein erfolgreiches Saisongeschäft führen, war alles andere als vorgezeichnet. Keine von ihnen kommt ursprünglich aus der Gastronomie. Jaël Schüle besuchte die Kantonsschule, reiste viel und wurde später Mutter. Nebenbei arbeitete sie an verschiedenen Openairs und Festivals an Crêpesständen. Mirjam Zimmermann ist gelernte Fachfrau Gesundheit. «Der Kontakt mit Menschen hat mir schon damals besonders gefallen», erzählt sie. Genau dieser Austausch mit den Gästen sei bis heute einer der schönsten Teile ihrer Arbeit.
Mit den Jahren ist nicht nur der Gästekreis, sondern auch die «Lunas Crêpes»-Familie stetig gewachsen. Rund 25 Mitarbeitende gehören heute zum Team. Viele von ihnen begleiten die beiden bereits seit mehreren Saisons. «Ohne unser Team wäre das alles gar nicht möglich», sagt Schüle.
Ein französischer Traum auf vier Rädern
Nicht weniger besonders als die Crêpes ist der Lieferwagen, aus dem sie verkauft werden. Schon lange zuvor träumten die beiden davon, ihre Gäste aus einem alten französischen Fahrzeug heraus zu bedienen. «Eigentlich ist das eine wunderschöne Geschichte», sagt Schüle und lacht. Mirjams Vater entdeckte am Untersee einen alten französischen Lieferwagen und meinte zu den beiden, sie sollten doch einfach einmal nachfragen, ob dieser zu verkaufen sei. Anfangs wollte sich der Besitzer nicht von seinem Fahrzeug trennen. Als er jedoch von ihrer Idee hörte, änderte er seine Meinung. «Unsere Vision hat ihm gefallen und schliesslich hat er ihn uns verkauft.» Mit viel Herzblut sowie der Unterstützung von Familie und Freunden wurde der Lieferwagen anschliessend komplett umgebaut. Er erhielt einen neuen Anstrich, einen kleinen Anbau, und wurde Schritt für Schritt zu dem charmanten Verkaufswagen, der heute kaum mehr vom Lindli wegzudenken ist. Mindestens genauso wichtig wie der Lieferwagen ist jedoch sein Standort. Direkt am Rhein, etwas abseits vom Trubel der Altstadt, ist über die Jahre ein Treffpunkt entstanden. Familien, Velofahrer, Spaziergänger, Badegäste oder Berufstätige in der Mittagspause – sie alle finden hier einen Platz. «Wir ziehen nicht nur eine bestimmte Gruppe an», sagt Zimmermann. «Hier kommen Menschen jeden Alters und aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen zusammen.» Viele Gäste würden sich inzwischen untereinander kennen. «Es ist ein richtiger Treffpunkt geworden.» Die beiden sind überzeugt, dass Lunas Crêpes seinen Teil dazu beigetragen hat, das Lindli noch etwas mehr zu beleben.
Mit Herz
Mittlerweile läuft bereits die 13. Saison am Rhein. Die beiden Gründerinnen blicken zufrieden auf die vergangenen Jahre zurück. «Im Sommer ist es oft intensiv und wir müssen flexibel sein», sagt Schüle. «Dafür können wir nach der Saison wieder etwas durchatmen, uns anderen Projekten widmen und im Frühling mit neuer Energie zurückkommen. Das ist für uns ein grosser Luxus.» Geöffnet ist Lunas Crêpes ausschliesslich bei schönem Wetter. Scheint die Sonne, dauert es meist nicht lange, bis sich die Tische füllen. An Spitzentagen verlassen rund 300 Crêpes den kleinen Lieferwagen. Ob es ein Geheimrezept gibt? Den Teig haben die beiden über Jahre hinweg selbst entwickelt und immer wieder verfeinert. Verarbeitet werden ausschliesslich Bio-Produkte und wenn immer möglich, regionale Zutaten. Qualität stehe für sie an erster Stelle. Am meisten freuen sie sich jedoch über die Reaktionen ihrer Gäste. «Viele sagen uns, dass sie sich hier wie in den Ferien fühlen», erzählt Zimmermann. «Das macht uns schon stolz.»
Inzwischen ist es kurz nach zehn Uhr. Die ersten Gäste treffen ein. Im Innern des liebevoll umgebauten Lieferwagens wird es nun eng. Zwischen Crêpeseisen, Kaffeemaschine und den zahlreichen Zutaten sitzt jeder Handgriff. Während draussen die ersten Bestellungen aufgegeben werden, liegt schon der Duft frisch gebackener Crêpes in der Luft, und für viele beginnt genau in diesem Moment ein kleines Stück Ferien direkt am Rhein.