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Politik
30.06.2026

Wer trägt die Schweiz?

Franziska Ramella schreibt über die abgelehnte 10-Millionen-Initiative und die Migrationsdebatte.
Franziska Ramella schreibt über die abgelehnte 10-Millionen-Initiative und die Migrationsdebatte. Bild: zVg.
Franziska Ramella schreibt in ihrer Kolumne über die abgelehnte 10-Millionen-Initiative der SVP und fordert eine sachlichere Migrationsdebatte sowie mehr politische Teilhabe für Menschen mit Migrationsgeschichte.

Die Schweizer Stimmbevölkerung hat die 10-Millionen-Initiative der SVP abgelehnt. Sie ist damit einer einfachen Antwort auf eine komplexe Frage nicht gefolgt.

Die Botschaft war klar: Es kommen zu viele Menschen. Schlagwörter wie Dichtestress, steigende Mieten oder überlastete Infrastrukturen dominierten den Diskurs. Dabei gerät eine entscheidende Tatsache aus dem Blick. Die Schweiz ist auf Einwanderung angewiesen. Ohne ausländische Arbeitskräfte würden Spitäler, Pflegeheime, Restaurants, Baustellen oder Forschung vielerorts nicht mehr funktionieren. Migration ist nicht nur eine Folge wirtschaftlicher Entwicklung, sie ist eine ihrer Voraussetzungen.

Besonders deutlich zeigt sich dieser Widerspruch im Care-Bereich. Es sind häufig Frauen mit Migrationsgeschichte in systemrelevanten Berufen, die unsere Eltern pflegen, unsere Kinder betreuen oder kranke Menschen versorgen. Gleichzeitig gehören diese Berufe zu den schlechtesten bezahlten und gesellschaftlich wenig anerkannten.

Frauen leisten Care-Arbeit seit jeher unter prekären Bedingungen. Während wir also auf ihre Arbeit angewiesen sind, prägen politische Kampagnen ein Bild, das Einwanderung vor allem mit Überforderung oder Bedrohung verbindet. Damit wird nicht nur Stimmung gegen Schutzsuchende gemacht, sondern gegen Menschen mit Migrationsgeschichte insgesamt. Menschen, die von Schweizer Unternehmen aktiv angeworben wurden und Teil unseres Alltags sind.

Die Abstimmung hat gezeigt, dass viele Bürger:innen diese Realität erkannt haben. Das macht Hoffnung. Denn eine Gesellschaft, die auf Solidarität und gegenseitige Abhängigkeit angewiesen ist, sollte Menschen nicht danach beurteilen, wo sie geboren wurden, sondern danach, welchen Platz wir ihnen in unserer Gemeinschaft zugestehen.

Wertschätzung zeigt sich darin, wie wir über Menschen sprechen und wie wir jene behandeln, ohne die unser Alltag längst nicht mehr funktionieren würde. Auch deshalb müsste die Debatte jetzt einen Schritt weitergehen.

Die bürgerliche Politik sollte sich endlich eingestehen, dass die Schweiz längst ein Einwanderungsland ist und bleiben wird. Doch wenn wir auf ihre Arbeit angewiesen sind, müssen wir sie auch stärker einbeziehen.

Wer hier arbeitet, Steuern zahlt, Kinder grosszieht und dieses Land mitträgt, sollte auch mitgestalten dürfen. Gerade auf kommunaler Ebene wäre mehr demokratische Teilhabe für Menschen ohne Schweizer Pass ein Gewinn. Demokratie wird nicht schwächer, wenn mehr Menschen mitentscheiden können. Sie wird glaubwürdiger.

Schaffhausen24, Franziska Ramella, Co-Präsidentin SP Frauen
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