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Gesellschaft
24.06.2026

Bock-Splitter: Richard Altorfer

Richard Altorfer
Richard Altorfer Bild: zVg.
Richard Altorfer schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne für «Schaffhausen24» und den «Bock». Dieses Mal schreibt er über Endlichkeit, statistische Lebenszeit und die Frage, was im Leben wirklich Bedeutung hat und streift dabei ebenso Gesellschaft, Zukunftsängste und die Absurditäten des Alltags.

Kari, sinophil: Wären Adam und Eva Chinesen gewesen, hätte Eva nicht den Apfel, sondern die Schlange gegessen, und der Welt wäre viel Unheil erspart geblieben.

Onkel Hugo wirkt niedergeschlagen. Er hat etwas versucht, das man in seinem Alter nicht machen sollte: ausgerechnet, wie viele Sommerferien ihm statistisch noch bleiben, wie viele Weihnachten, Theaterbesuche, Olympische Spiele, wie viele der eh eher seltenen Besuche von Kindern und Enkeln. Und fast ebenso schlimm: wie oft er in der beschränkten verbleibenden Zeit noch zum Arzt und Zahnarzt muss, wie viele Steuererklärungen er noch ausfüllen wird, wie viel Zeit er verplempern wird in Telefonwarteschlaufen, beim Surfen im Internet oder im Verkehrsstau und wie oft er noch ein schlechtes Gewissen haben wird, weil er Stuhl-Tai Chi, Dehnübungen und Krafttraining ausgelassen und Wein statt Wasser getrunken hat. Und Hugo hat, weiss der Teufel, warum gerade jetzt, realisiert, dass es einen Unterschied macht, ob man bloss weiss, dass das Leben endlich ist oder auf einmal fühlt, dass es kein Reserveleben gibt, in dem man all das macht – auf den Kilimandscharo steigen, ein Buch schreiben, Chinesisch lernen, einen Tango-Tanzkurs besuchen, alte Freunde überraschen, auf BoraBora mit schönen Frauen abhängen –, was man eigentlich noch vorhatte. Klar wusste er: Dieses zweite Leben gibt es nicht, aber immer mit der Option im Hinterkopf, dass der liebe Gott bei ihm vielleicht eine Ausnahme machen würde. Kurz: Hugo hat seine statistische «Restlaufzeit» ausgerechnet – er hätte es besser gelassen: Es bleiben ihm noch 15 Jahre. Davon – auch statistisch – ein Teil krank, mit Medikamenten und ihren Nebenwirkungen, ein letzter Teil vielleicht im Pflegeheim. Er ist erschrocken: Höchste Zeit, etwas zu ändern. Nur was? Hugo entspannt sich erst, als er, erstens, akzeptiert, wenn auch widerwillig, dass Endlichkeit die Bedingung dafür ist, dass in seinem Leben überhaupt etwas Bedeutung hatte. Und zweitens, als er beginnt, seine viel zu lange «Bucket list» zusammenstreichen. Zu «verendlichen» wie er sagt. Um ihr wieder Bedeutung zu geben. Hugo freut sich sogar aufs Ausmisten der Liste. Tango mit Südsee-Schönheiten auf dem Kilimandscharo? Hat vielleicht doch nicht oberste Priorität.

In Macau (Sonderverwaltungszone Chinas) leben 22 000 Einwohner pro km², in Monaco 19 000, in Australien hingegen nur 3,5. Zum Vergleich: In der Schweiz kommen 218 Einwohner auf einen km² (in Genf allerdings 13 000; dort ist’s also asiatisch dicht). In Schaffhausen waren’s zu Kesslerlochzeiten übrigens nur rund 0,004 Personen pro km², weniger als heute in Grönland. Wie viele es in hundert Jahren sein werden? Keine Ahnung. Viel wichtiger dürfte ohnehin sein, was KI bis dahin aus uns gemacht hat und welche Ideologien und Religionen das Leben der Leute dannzumal regeln. Mit anderen Worten: Egal, wie Sie über die 10-Millionen-Initiative abgestimmt haben, es wird allerspätestens in 100 Jahren völlig Wurscht sein.

Jemand hat geschrieben: «Die Magersüchtigen nehmen zu.» Na was jetzt?

Schaffhausen24, Richard Altorfer
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