Bock-Splitter: Richard Altorfer
Kari, tierisch drauf: «Zwangsläufig» sind höchstens nymphomane Hündinnen.
Die Babyboomer hatten mehrheitlich ein gutes Leben, es ging immer «obsi», viele von ihnen sind ordentlich wohlhabend geworden und haben alles. Na ja, fast alles. Nur etwas vermissen viele – etwa wenn sie mit e-Auto oder im Zug durch die Schweiz oder in ihre alte Heimat fahren: all das, was mal war. Die Stätten ihrer Kindheit und Jugendzeit. Es ist … alles überbaut. Geht mir auch so. Die Höhle, vor der wir uns fürchteten, der Ski- und Schlittelhang, das Fussballfeld, die Wiesen hinterm Wohnhaus, der Feldweg, auf dem wir Velofahren lernten, der kleine Kiosk beim Bahnhof. Alles verschwunden. Stattdessen mehrstöckige Wohnblocks, Autobahnzubringer, neue Schulhäuser, Einkaufszentren, neue Schwimm- (statt der alten Strand)bäder, Einfamilienhausquartiere, wo früher Kühe weideten. Und all das garniert mit Ampeln, Schildern, Fahrverboten. Wir vermissen die Orte unserer Spiele und Streitereien, die alten Läden im Dorf: den «Beck», die «Chäserei», die «Metzg». Aus dem «Schlüssel» wurde eine Pizzeria, aus dem Strickladen eine Boutique mit fremdländischem Namen, die siebte in fünf Jahren. Wer gofpridschtutz hat uns das alles wann genommen? Verändert, modernisiert, vergrössert, erweitert, verdichtet? Klar, wir waren das. Wir alle miteinander. Weil es uns so gut ging und Gemeinden, Kanton und Land genügend Geld hatten. Jetzt müssen wir mit unserem Erfolg und in einem Land leben, das immer mehr Leuten, auch aus dem Ausland, gefällt. Verständlich und – bis vor Kurzem eigentlich erwünscht. Nur, so langsam spüren wir die unangenehmen Folgen. Die Dinge haben ihren Lauf genommen und wir können nichts mehr dagegen tun. Unser Land wächst und wächst, leider nur zahlen-, aber nicht flächenmässig. Was einige von uns hoffen: dass ein Stopp bei 9 999 999 Einwohnern daran noch etwas ändert. Das dürfte schwierig werden. Die Schweiz ist geworden, was wir zugelassen und wovon wir lange Zeit profitiert haben. Die «Zehn-Millionen-Initiative» kommt so gesehen Jahre zu spät. Wenigstens für uns. Tja, sie wird wohl trotzdem angenommen werden. Weil wir, die Babyboomer, die wir dem Alten nachtrauern, mehr sind und die Illusion nicht hergeben wollen, unsere Heimat, jedenfalls das Bild, das wir von ihr haben, retten zu können. Ob das klappen kann? OK, alles Leben ist ein Versuch.
Apropos Dichtestress: alles ist (wieder mal) relativ. In chinesischen und afrikanischen Grossstädten kann man über die gefühlte helvetische Enge nur müde lächeln. Was die verdichtete Lebensweise allerdings nicht besser macht. Nur eben: Als das Kesslerloch noch Zuflucht war für Jäger und Sammler, vor rund 15 000 Jahren, lebten auf dem Gebiet der gesamten Schweiz lediglich etwa 150 Menschen (die durchschnittlich 40 Jahre alt wurden). Das war dann wohl «Leerestress». Die Initianten der Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz! (Nachhaltigkeitsinitiative)» wären mit einer Schweiz von maximal 10 Millionen Menschen zufrieden. Wie gesagt: Enge wie Leere – alles relativ.
Meteorologen warnen – vor einem extremen Frühling: Es wird lebensbedrohlich mild.