KI verändert den Markt
«Was vor fünf oder zehn Jahren noch Wochen oder Monate in Anspruch nahm, kann nun in wenigen Tagen oder gar Stunden erledigt werden und das dank KI», beschreibt Zahhar Kirillov, studierter IT-Manager, die Faszination für diese noch junge Technologie. Zusammen mit Taisia Berg, Kernphysikerin, arbeitete er in Spanien, England und Estland für namhafte Unternehmen wie «Blackrock» und «Charles Schwab». Seit mittlerweile zehn Jahren leben die beiden IT-Experten in der Schweiz – zuerst in Zürich und seit fünf Jahren in Schaffhausen. Hierzulande arbeiteten sie bereits für führende Banken und Versicherungsgesellschaften.
Die Schweiz schreite im Bereich KI zu langsam voran. Im Kanton Schaffhausen herrsche gar beinahe Totenstille. Aber gerade darin sehen sie für Ihre Arbeit, mit Fokus auf die Gesellschaft, ein sehr grosses Potenzial. Schaffhausen sei der perfekte Standort, in der Nähe von Zürich, und biete zudem zahlbareren Wohnraum an, was die Gründung einer Familie und den Kauf eines Hauses begünstige. Mit ihrer KI basierten Website schaffhausen.live, welche einen kostenlosen KI-Agenten und einen KI-Assistenten anbietet – eine Neuheit auf dem Schweizer Markt – sorgten sie an den «best of swiss web»-Awards für Furore. Als «kleine Fische» unter Walen, wie Migros oder AXA Group, holten sie in der Kategorie «Innovation» Silber und in der Kategorie «Public Value» Bronze. Was während der Corona-Pandemie als Hobby begann, soll den Schweizer Markt nicht nur revolutionieren, sondern in absehbarer Zukunft Unternehmen und Verwaltungen gleichermassen mit der Bevölkerung und dessen digitalen Bedürfnissen vernetzen.
Vom Quartierprojekt in die Welt hinaus
Als mit GPT-3.5 ein benutzerfreundlicher und monetarisierbarer Chatbot, namens ChatGPT, der Öffentlichkeit präsentiert wurde, sprangen Berg und Kirillov auf den KI-Zug auf: «Es liegt vermutlich in unserer beider Natur, neue Technologien auszuprobieren und nach Lösungen und Nutzbarkeit für die Gesellschaft zu suchen.» Die vorhergehenden Versionen des Sprachmodells hätten nur Forscherinnen und Forschern gedient.
Ihre ersten Berührungspunkte mit der «Technologie der Zukunft» hatten die beiden zwischen 2020 und 2021. Damals lebten sie noch im Kanton Zürich. In der Nachbarschaft bekamen sie mit, dass ältere Leute sich, aufgrund von Corona, kaum mehr aus dem Haus trauten, aber dennoch auf Informationen angewiesen waren. Auch Familien mit Kleinkindern seien überaus vorsichtig gewesen. Da mehr Freizeit zur Verfügung stand, wollten sie diese sinnvoll und im Dienste der Gesellschaft nutzen. Es entstand unter dem Namen «Gemeinde online» ein regelbasierter Gruppenchat-Bot für WhatsApp und Telegram, also einer, der auf bestimmte Schlagwörter oder vordefinierte Menüs reagiert. «Das Füttern des Bots mit Informationen war eine grosse Aufgabe, welche eine laufende Aktualisierung erforderte», erklärt Berg, im Gespräch mit dem «Bock». Die Nachbarn seien aber darüber sehr froh gewesen. Denn so erfuhren sie auf einfache Weise, auch etwa auf Englisch, wann welche Apotheke offen hat oder welche Massnahmen gerade beschlossen wurden. Wer beispielsweise Hilfe beim Besorgen von Medikamenten anbieten wollte, konnte das im Chat-Bot eingeben und die anderen wurden darüber informiert.
Innovation die sich auszeichnet
Als die generative KI aufkam, hätten sie sich dazu entschieden, das Projekt auf eine neue Stufe zu bringen. «Das altbewährte Konzept sollte durch KI automatisiert werden. Damit ergeben sich neue Chancen und Möglichkeiten, aber auch Fragen betreffend der Sicherheit», so Berg. «schaffhausen.live» wurde geboren. Das Self-Learning-System beschränkt sich aktuell auf Schaffhausen. Es sei aber auf weitere Kantone skalierbar. Das Ziel sieht so aus, dass ihre KI gestützte Plattform mit Behördensystemen, dem RAV oder auch Jobbörsen verknüpft wird. Damit fänden Informationsverbreiter und die passenden Informationskonsumenten einfacher zusammen und das in jeder gewünschten Sprache, auch in «Leichter Sprache». Das aktuelle Pilotprojekt hat nur auf vorher verifizierte Websites Zugriff. Ein KI-Agent kann auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten werden. Basierend auf diesem Briefing sendet er einem beispielsweise laufend Hinweise zu Musik- oder Sportveranstaltungen. Auch Meldungen zum Abfallkalender sowie zu Internet- und Verkehrsstörungen sind möglich. «Dieses kostenlose Angebot ist weltweit einzigartig.» Und genau das habe die Jury des «best of swiss web»-Awards überzeugt. Im führenden Schweizer Fachmagazin für Business-IT und die ICT-Branche, «Netzwoche», ist das Urteil einsehbar. Darin steht unter anderem: «Die Plattform schafft einen personalisierten Stadtblick mit hohem praktischem Nutzen und starker regionaler Verankerung im digitalen Raum. Ein überzeugendes Beispiel für pragmatische Innovation mit echtem Mehrwert.» Dass ein kleines Team aus Schaffhausen gleich zwei Preise erhält, ist eine Premiere. Zuletzt gewann 2017 die Schaffhauser Kantonalbank einen Award.
Ein Blick in die Glaskugel werfen
Sie würden regelmässig die anonymisierten Anfragen der User zur Analyse einsehen. Eine Frage hat um die Barrierefreiheit gehandelt. Dazu hat der aktuelle Agent leider keine Informationen. Für solche Daten, und viele weitere müsste Google Maps integriert werden. «Dieses Unterfangen ist bereits kostspielig und arbeitsintensiv.» Eine noch grössere Vernetzung mit verschiedenen Datenquellen, sei nur durch Gönner und Sponsoren möglich. Solche Implementierungen müssten zudem sehr sorgfältig erfolgen, weil die KI manchmal halluziniert und somit erfundene Informationen verbreitet. Auch gehackte Websites und Falschinformationen seien ein Risikofaktor. Um die Gefahren auf ein Minimum zu reduzieren, müsse man sich in die Verbrecher hineinversetzen und wie sie denken, um deren Techniken und Wege zu identifizieren – das sogenannte «Attack Vector». Die zweite Sicherheitsstufe wird «Human in the Loop» genannt. Dabei werden kritische Informationen nicht sofort von der KI herausgegeben, sondern von Menschen geprüft. Ein KI-Agent könnte diese Aufgabe aber übernehmen und, beispielsweise mit einem Anruf an die entsprechende Stelle, den Sachverhalt verifizieren.
Und wie sieht es mit der Zukunft aus? Dazu sagt Zahhar Kirillov: «Deepfake-Videos werden nicht mehr von echten Aufnahmen zu unterscheiden sein. Automatisierungen führen zu grossen Kündigungswellen. Daraus resultiert eine Verschiebung von Officeaufgaben zu handwerklichen Berufen. Auf der anderen Seite bringt diese technische Revolution, wie dazumal die industrielle Revolution, Chancen, welche den heimischen Markt stärken und die Schweiz weniger von anderen Nationen, wie den USA oder China, abhängig machen. Gerade in solchen Phasen sind Menschen sehr innovativ. Und Bauern bräuchten wir auch mehr.»