Vom Wald in die Werkstatt
Wenn Walter Ackermann in Basadingen an seiner Drechselbank steht, fliegen die Späne. Und zwar ordentlich: «Dann muss ich mir auch mal mit der Schneeschaufel einen Weg durch die Werkstatt bahnen», so der 69-Jährige.
Mit Holz kennt er sich aus: Bis zu seiner Pensionierung arbeitete Ackermann ein halbes Jahrhundert lang als Förster. Wenn er erzählt, strahlt er selbst die Ruhe eines Waldes aus und zeigt sich bescheiden. «Ich bin ja kein richtiger Drechsler, ich mache einfach meine Schalen.»
Das Handwerk hat er sich selbst beigebracht. «Vor 40 Jahren gab es noch keine YouTube-Filmli dazu», grinst er. Sein Hobby braucht Zeit und Geduld, und ein bisschen Mut gehört auch dazu. Es sind ordentlich Kräfte, die wirken, wenn er einen grob zugesägten Holzblock einspannt und dieser sich um die eigene Achse zu drehen beginnt. «Bis das Holz rund ist, eiert es auf der Maschine herum.» Und sitzt es nicht perfekt, kann auch mal ein Stück von der Maschine schleudern. «Ich hatte lange ein Loch in der Decke der Werkstatt. Ein Mahnmal, weil mal ein Stück davongeflogen ist.» Meist ging alles gut. «Ausser letztens ist mir tatsächlich ein Stück Holz an den Kopf geknallt.» Ackermann nimmt’s sportlich: «Das kann halt passieren.»
Wasser spritzt in alle Richtungen
Auch passieren kann, dass er beim Drechseln «pflotschnass» wird. Frisch geschnittenes Holz trägt so viel Feuchtigkeit, dass es beim Bearbeiten in alle Richtungen spritzt. Darum müssen die groben Schalen jeweils rund ein Jahr trocknen, bevor Ackermann sie final bearbeiten und fein schleifen kann.
Während sich das Holz dreht und das Werkzeug ruhig in seiner Hand liegt, entsteht Schicht für Schicht eine neue Form. «Für mich ist es wie Meditation. Ich muss nichts studieren, kann einfach runterfahren. Dann stehe ich zwischen Spänen und rieche das Holz. Jedes riecht wieder anders.»
Früher arbeitete er gerne mit möglichst «perfekten» Holzstücken. Inzwischen sucht er gezielt solche mit Makeln. «Diese fehlerhaften Stücke habe ich lange auf die Seite gelegt. Als ich pensioniert wurde, dachte ich: Jetzt muss das Holz mal weg.» Heute gefallen ihm die Schalen mit Charakter sogar besser: mit Maserungen oder dunklen Strukturen, wo einst Pilze wuchsen, mit Astlöchern oder feinen Spalten, wo sich der Baumstamm gabelte. Über die Jahre sind Hunderte Schalen entstanden. «Gezählt habe ich sie nicht.» Er vermarktet sie auch nicht gross. Im Blumengeschäft Safran in Schaffhausen stehen einige Stücke zum Verkauf. «Ich war auch schon auf dem Markt. Aber jetzt habe ich kein Auto mehr, und mit dem Handwagen ist es mühsam.» Diesen Winter stellte er seine Schalen bei sich daheim aus. «Ich habe einfach ein Schild auf die Strasse gestellt und wer wollte, durfte reinschauen und sich melden, wenn etwas gefiel.»
Loslassen fällt ihm leicht
Manchmal finden seine Werke auch weitere Wege. Ein Förster aus Deutschland, der einst an einer Waldführung bei ihm teilnahm, kam vorbei und lud sein Auto bis auf den letzten Platz mit Ackermanns Werken voll. «Das waren sicher etwa hundert Schalen», freut er sich. «Aber das Lager wird jeweils schnell wieder voll.»
Das Loslassen seiner Werke fällt ihm leicht: «Wenn die Schalen fertig sind, interessieren sie mich gar nicht mehr so.» Vielmehr fasziniere ihn der Prozess: das Holz, das sich unter der Rinde verbirgt, wie es sich entwickelt und was daraus entsteht.
In den Wald geht er immer noch gerne. Wenn auch nicht mehr so regelmässig. Die letzten Jahre als Förster waren herausfordernd. Durch die Hitzewellen breitete sich der Borkenkäfer schnell aus und es musste viel abgeholzt werden. «Mit den grossen Maschinen den Wald kaputt machen, das hat keinen Spass mehr gemacht.» Besonders leid tat ihm eine Gruppe Fichten. «Die waren etwa 250 Jahre alt und hatten auf Brusthöhe einen Durchmesser von 1.50 Metern.» Fichten würden sonst oft im «Teenie-Alter» gefällt. «Wenn eine so alt werden darf, ist das was Besonderes.» Seine Schalen kann Walter Ackermann grundsätzlich aus jedem Holz machen. «Es ist meist Abfallholz, das keiner will.» Mal ist es ein Nussbaum oder ein Stück Zwetschge aus einem Garten oder Eiche aus dem Wald. «Ich habe auch mal aus einem alten Zedernbänkli, das meine Schwester nicht mehr brauchte, eine Schale gemacht.» Dimension und Form gibt das Holz oft direkt selbst vor. Manchmal arbeitet er Schalen auch von Hand aus, zum Beispiel aus Holzwucherungen. «Eine war mal so gross, dass meine drei Enkel darin Platz hatten.»
Kleine Zierstücke reizen ihn dagegen weniger. Die schaut er sich in seinem Drechsler-Magazin, das viermal jährlich kommt, zwar gerne an. Aber so «Gänggeli-Zeugs», das nur herumsteht, sei nicht seins. «Aber an meinen Schalen habe ich de Plausch.»
Und «de Plausch» hätte er auch mal an einem schönen Stück Eiche mit sogenannten Kleb-Ästen. «Das sind kleine, dünne Äste, die entstehen, wenn der Stamm plötzlich ans Licht kommt», erklärt der pensionierte Förster. Für Säger oder Schreiner sind solche Stücke wenig begehrt. Für Walter Ackermann dagegen schon: «Das sieht am Holz dann aus wie kleine Vogelaugen. Einfach schön.»