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Gesellschaft
09.01.2026
05.01.2026 16:07 Uhr

Mehr Specht, weniger Bildschirm

Claudia Riedel ist freie Journalistin beim Schaffhauser «Bock».
Claudia Riedel ist freie Journalistin beim Schaffhauser «Bock». Bild: Sandro Zoller, Schaffhausen24
In der ersten Ausgabe des «Bock» des Jahres schreibt Claudia Riedel über die Wichtigkeit, sich qualitativ hochwertige Zeit ohne Handy zu nehmen und die Welt mit einem positiven Blick zu betrachten.

Wir haben regelmässig einen Specht im Garten. Er hängt am Stamm des Zwetschgenbaums und hämmert wie eine kleine Maschine darauf los. Es ist erstaunlich, mit welcher Ausdauer und Präzision er das tut. Einige Wissenschaftler sagen, er hat eine Art Stossdämpfer im Kopf, damit er keine Hirnerschütterung bekommt. Andere berichten von einem besonders harten Schädel, der enorm viel aushält. So oder so: Es ist faszinierend.
Taucht dieses kleine Wunder der Natur auf, wird die ganze Familie zusammengerufen und wir schauen dem Specht eine Weile beim Klopfen zu. Und abends bekommt er dann meist noch eine Zeile in meinem sogenannten «6-Minuten-Tagebuch». In dieses Buch schreibt man morgens drei Dinge, für die man dankbar ist, und abends drei besonders schöne oder positive Erlebnisse des Tages. Hier sind sich die Wissenschaftler einig: Wer dieses Tagebuch regelmässig führt, entwickelt einen positiveren Blick auf die Welt und auf das eigene Leben. Ob das bei mir tatsächlich so ist, kann ich nicht beurteilen – mein Blick auf die Welt war eigentlich schon immer positiv. Was mir dieses Buch aber definitiv zeigt, ist, was mir wirklich guttut und was ich wirklich gerne mache.
Und es ist ganz eindeutig: Es sind immer Dinge aus der analogen Welt. Noch nie habe ich abends notiert, wie toll es war, eine Stunde ins Handy zu glotzen und mich gedankenlos durch irgendwelche Clips zu scrollen. Noch nie stand dort, wie erfüllend es war, auf Netflix durch endlose Film- und Serienvorschläge zu wischen. Und auch exzessives Binge-Watching hat es bislang nicht in die Liste der besonders schönen Tagesmomente geschafft.
Dort stehen ausschliesslich Dinge aus der realen Welt: Joggen ohne Kopfhörer im Wald, Gespräche mit Freunden – oder Fremden, das Eintauchen in ein Buch, das Basteln oder Backen mit den Kindern oder der Blick aus dem Fenster während einer Zugfahrt.
Dazu passend führte ich kürzlich ein Interview mit einem Generationenforscher zum Thema künstliche Intelligenz und Digitalkonsum.
Zwei Aussagen daraus hallen bei mir nach. Zum einen sagte er, wem das analoge Rüstzeug fehle, der werde sich in der digitalen Welt nie wirklich zurechtfinden. Und zum anderen meinte er, man solle Kindern in der realen Welt mehr Freiheiten geben, damit sie merken: Auch hier draussen gibt es unglaublich viel zu erleben.
Etwas, das nicht nur für Kinder gilt. Auch wir Erwachsenen sollten uns mehr darauf konzentrieren, was draussen passiert. Vielleicht sitzt ja auch bei Ihnen im Garten ein Specht.

Claudia Riedel, Schaffhausen24
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