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Gesellschaft
09.08.2021

«Schöner geht es doch einfach nicht»

Jerry Svensson ist in Schweden aufgewachsen. Noch heute besucht er über die Wintermonate seine Verwandten im Norden.
Jerry Svensson ist in Schweden aufgewachsen. Noch heute besucht er über die Wintermonate seine Verwandten im Norden. Bild: Yves Keller, Schaffhausen24
Seit über 20 Jahren gibt Jerry Svensson auf dem Rhein und dem Untersee Bootsfahrstunden. Nirgends fühle er sich wohler als hier, sagt der kernige Mann mit wachen Augen. Nächstes Jahr erreicht er das Pensionsalter – aufhören sei aber kein Thema.

In der «Böötler-Szene» hat er Kultstatus. Jerry Svensson hat in den letzten gut 20 Jahren dafür gesorgt, dass seine Schützlinge am Ende der zahlreichen Übungsstunden die Bootsprüfung bestehen. In dieser Zeit habe er nur eine Person nicht durch die Prüfungen gebracht, erinnert er sich: «Das war gleich in meinem ersten Jahr. Nach drei Anläufen bei der Prüfung musste ich ihr sagen, dass es keinen Sinn mehr macht. Sie hat das eingesehen.» Seither schafften es alle bei ihm und mit seinem ehrlichen und oft humorvollen Umgang mit seinen Schülerinnen und Schülern gewann er eine immer grössere Kundschaft – auch in den letzten Jahren. Während die Zahlen der abgenommenen Bootsprüfungen beim Schaffhauser Schifffahrtsamt über die letzten zehn Jahre relativ konstant blieben, verzeichnete Jerry Svensson vor allem letztes und dieses Jahr nochmals eine deutliche Zunahme: «Ich erhielt deutlich mehr Anmeldungen. Letztes und dieses Jahr hatte ich rund 20 Prozent mehr Fahrschülerinnen und -schüler bei mir.» Zugenommen hat in den letzten Jahren auch der Anteil Frauen. Jerry Svensson schätzt, dass heute rund doppelt so viele Frauen die Bootsprüfung machen als noch vor 20 Jahren. Der Anteil Frauen läge heute bei ihm bei rund 40 Prozent. Egal ob Frauen oder Männer, Wirtschaftsbosse oder Arbeiter, unzählige verschiedene Menschen waren schon bei ihm und alle behandle er gleich: «Ich spreche immer alle gleich per du an. Ich glaube, dass die Leute meine Art schätzen.» Die meisten, die bei ihm die Bootsprüfung machen, haben selber aber gar kein Boot, sondern mieten im besten Fall mal eins: «Viele wollen zum Beispiel einmal auf ein Hausboot in Frankreich oder Holland und wollen hier Erfahrungen sammeln.»

Fahrlehrer und Lebensretter

Währenddem viele in den Sommermonaten Urlaub machen, arbeitet Jerry Svensson mehr oder weniger jeden Tag von Frühmorgens bis am späten Abend. «Von Frühling bis Herbst arbeite ich voll durch, die Nachfrage ist so gross.» Nur an den besonders schönen Wochenenden gehe er nicht mehr aufs Boot, weil der Rhein dann mit Gummibooten überfüllt sei. «Das bringt es nicht, an diesen Tagen Fahrstunden zu geben. Deshalb war dieses Jahr für die Fahrschule bis jetzt ein perfekter Sommer. Du hast nicht zu heisse Temperaturen und kein Mensch ist auf dem Wasser. Letztes Jahr war die Hölle pur, richtig schlimm. Es hatte teilweise so viel Schlauchboote auf dem Rhein, du hättest den Fluss trockenen Fusses überqueren können.» Die Gummiboote sind es denn auch, die dem 64-Jährigen Sorgenfalten auf die Stirn zeichnen: «Der Schlauchboot-Verkehr hat massiv zugenommen und viele haben keine Ahnung von den Regeln auf dem Rhein, oder es interessiert sie nicht.» Jedes Jahr erlebe er haarsträubende Situationen und oft schon musste er mit seinen Schülerinnen und Schülern als Retter einspringen. So rettete Jerry Svensson auch schon zwei Personen vor dem Ertrinken. Eine andere Szene mit einem Gummiboot ging ihm besonders nah: «Letztes Jahr musste ich zusehen, wie es ein Gummiboot mit einer Familie um eine Wiffe wickelte. Alle vier Personen fielen aus dem Boot. Wir konnten die kleinen Mädchen retten, die Eltern schwammen an Land. Hätte es jemanden zwischen dem Schlauchboot und der Wiffe eingeklemmt, ich hätte nicht helfen können.»

«Alleine diesen Sommer musste ich zwei Schwimmer vor dem Ertrinken retten.»
Jerry Svensson

«Schönster Ort»

Diese Schreckmomente bilden zum Glück die Ausnahme. Jerry Svensson sagt von sich selbst, er habe den schönsten Beruf auf Erden. Das Wasser war schon immer sein Element. In Schweden aufgewachsen, lebte seine Familie vom Fischfang. Vater Schwede, Mutter aus Wagenhausen. Es sei eine schöne Kindheit gewesen, sagt Jerry Svensson, aber die Fischerei war nicht mehr einträglich genug, weshalb die Familie in die Schweiz zog. Hier machte der junge Jerry eine Lehre als Maschinenmechaniker und half schon bald bei seinem Bruder aus, der eine Bootsfahrschule hatte. Zwei Jahre später übernahm er die Schule und schwärmt noch heute von seinem Beruf: «Das ist der Lotto-
Sechser für mich. Schau doch mal hier raus, schöner geht es doch nicht. Das ist Natur pur.» In diesem Moment paddeln zwei Kinder in einem Ruderboot durch den Hafen in Wagenhausen und an Jerry Svenssons Boot vorbei. Dieser sieht sie und sagt zum Journalisten: «Siehst du, die machen hier Urlaub, wo ich arbeite.»

In einem Jahr wird Jerry Svensson pensioniert. Ans Aufhören will er aber noch nicht denken, sondern sicher noch ein paar Jahre weiterarbeiten. Solange er gesund sei, auf jeden Fall. Und wird er danach auch als Freizeitkapitän aufs Wasser gehen? «Das denke ich schon. Ich muss dann aber bei Freunden fragen, ob ich auf dem Boot mitfahren kann, weil ich privat ja keinen Bootsplatz habe,» – genau so wie die meisten, die bei ihm die Prüfung gemacht haben.

Yves Keller, Schaffhausen24
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