Vor der langen Brücke von Eschenz auf die Insel Werd steht eine grössere Seniorenreisegruppe in bester Touristenausrüstung. Ein Mann, dessen ausgewaschenes Hawaiihemd von seinem wohlgerundeten Bauch gerade herunterhängt, sagt in heiterem Schwäbisch: «Des isch oifach schee. Muss man hier bezahle?»
Rund 250 Meter davon entfernt, im Garten des Klosters sitzt Bruder Hans am privaten Gartentisch der Mönche. Besonders an den Sonntagen sei viel los auf der Insel, und manchmal müsse er auch einschreiten. «Wir hatten schon alles hier. Leute in Badehosen und im Bikini zum Beispiel, die ihren Fertiggrill mitbrachten und über ihre Böxli laute Musik hörten.» Auch wenn er ein gewisses Verständnis dafür habe, dass man an diesem schönen Ort gerne baden würde, bleibe die Insel ein Wallfahrtsort.
Ein Tag voller Gebete
Hans Lenz, heute 56-jährig, wuchs mit vier Geschwistern in Wil (SG) auf. Seine Mutter sei schon eine religiöse Frau gewesen. Er sei als Junge zwar immer mit in die Kirche gegangen, hätte sich aber nicht vorstellen können, Priester zu werden. Bis er einen Gottesdienst in einem Lager besuchte: «Auf einmal hörte ich eine Stimme, die mich fragte: ‹Hans, willst du nicht Priester werden?› Da dachte ich zuerst, das sei eigentlich nicht so meins, aber der Gedanke liess mich trotzdem nicht mehr los.» Mit 24 Jahren trat er dem Franziskanerorden bei. Bereut habe er es seither nie.
Der Tagesablauf der fünf Mönche auf der Insel Werd richtet sich nach den Gebetszeiten. Wenn sie um kurz nach acht Uhr zusammen das Frühstück einnehmen, haben sie bereits drei Gebetseinheiten hinter sich. Die erste beginnt frühmorgens um halb sieben. Seit Corona würden sie sogar noch mehr Zeit im Gebet verbringen, sagt Bruder Hans: «Wir beten jetzt ein zusätzliches Mal am Abend um 21 Uhr einen Rosenkranz. Ich bin überzeugt, dass jedes kleinste Gebet eine heilsame Wirkung hat, und dass wir das in einer schwierigen Situation noch etwas intensiver tun sollten.»
«Wir haben nicht alles im Griff»
Neben mehr Gebeten wurden auf der Insel weitere Corona-Vorkehrungen getroffen. So gibt es auch hier für die Gottesdienste ein Schutzkonzept und sie achteten allgemein auf die Abstandsregeln. Dies habe allerdings zur Folge, dass es schwieriger geworden sei, mit den Leuten in Kontakt zu kommen.
Neben all den Problemen und Nachteilen, welche die aktuelle Situation verursacht, sehe er auch eine positive Seite: «Ich glaube, diese Krise bringt uns wieder näher an die Realität. Wir glauben oft, dass wir mit genug Wissenschaft, Geld und Technik alles im Griff haben. Ich denke, was jetzt passiert, macht uns wieder demütiger und zeigt uns unsere Grenzen auf.» Auch an Bruder Hans ist die Krise nicht spurlos vorbeigegangen. Es sei ihm bewusster geworden, dass unser Leben auf dieser Erde endlich ist. «Aber ich glaube natürlich, dass ich ewig lebe. Es ist nur die Frage, wo», lacht er. Nach einer kurzen Pause fügt er an: «Ich glaube, dass das Gute am stärksten ist. Zwischendurch kann es im Leben schwierig sein, aber es kommt alles gut.»
In diesem Moment wird das Interview von einem Gast eines Mitbruders unterbrochen, der sich wieder auf die Rückreise macht. Zum Abschied drückt er Bruder Hans eine Glace in die Hand. Dieser schaut den Reporter etwas überfordert an und meint entschuldigend: «Ich kann Ihnen jetzt leider keinen Schleck geben. Wegen Corona.»