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Politik
20.05.2025
19.06.2025 17:40 Uhr

Wahlkampf: Der «Bock» fragt die Kandidierenden

Severin Brüngger (l.) und Simon Stocker mitten im Wahlkampfmodus.
Severin Brüngger (l.) und Simon Stocker mitten im Wahlkampfmodus. Bild: Sandro Zoller
Simon Stocker (SP) wie auch Severin Brüngger (FDP) sind sich einig, dass ein starker Kanton, wie Schaffhausen, auf ganzer Linie mehr Sichtbarkeitt in Bundesbern verdient. Dem «Bock» ist es wichtig, dass beide potenziellen Vertreter des «Mufflonwidder»-Kanton in der Bevölkerung Gehör finden. Im ersten Teil der Ständeratswahl-Trilogie stellen sich die Kandidierenden den Fragen des «Bock» und des Konkurrenten. Teil II folgt am 10. Juni.

Natürlich ist bei Wahlen das Politprogramm der Kandidaten sehr wichtig. Am Ende des Tages ist es aber die Person dahinter, welche die Interessen des Kantons und dessen Bevölkerung vertreten muss. In klassischer «Bock»-Manier soll auch in diesem Interview der Mensch im Fokus stehen.

 

«Bock»: Die Ersatzwahl scheint nicht nur eine Sache zwischen zwei Personen zu sein, sondern ein Kräftemessen zwischen Stadt und Land. Seht ihr das genauso?

Severin Brüngger: Ich solle sozusagen das Land und Simon die Stadt vertreten? Ehrlich gesagt, spüre ich das überhaupt nicht so. Den Kanton Schaffhausen sehe ich als eine Einheit. Einen klassischen Stadt-Land-Graben gibt es eigentlich nicht. Aber wenn das so empfunden werden würde, dann müssen wir natürlich diesen Graben zuschütten. Auch wenn Simon in der Stadt sehr stark ist, geht es am Ende des Tages um die Themen.

Simon Stocker: Als Ständerat vertritt man alle Schaffhauserinnen und Schaffhauser. Das Land kenne ich sehr gut aus meinem beruflichen Kontext, die Stadt wiederum durch meine Zeit im Stadtrat. Zudem wohnen wir beide in der Stadt. Gemeinsam mit Ständerat Hannes Germann gilt es, möglichst viel ergänzend abzudecken. Deshalb sehe ich das auch nicht als Stadt-Land-Kampf.

Brüngger: Auch ich kenne die Stadt wie das Land gut. Vier Jahre lang lebte ich in Siblingen, im Klettgau, und habe da weiterhin einige Freunde. Und jetzt wohne ich in der Stadt Schaffhausen.

 

Die gerichtliche Freistellung von Simon Stocker, aus dem Ständerat, hat für Wellen aber auch Unsicherheit in der Bevölkerung gesorgt. Muss am politischen Prozess etwas angepasst werden?

Stocker: Klar, wenn eine Wahl aberkannt wird, wühlt das die Leute auf. Ich habe stets betont, dass ich den Gerichtsentscheid akzeptiere. Es ist allerdings auch eine Tatsache, dass es verschiedene Lebensrealitäten gibt, in denen – aus welchen Gründen auch immer – Ehepartner getrennte Wohnsitze haben. Ich habe angestossen, ob man sich Gedanken darüber machen soll, die Bundesgesetzgebung an unterschiedliche Lebensformen anzupassen.

Brüngger: Mich selbst betrifft es nicht. Ich sehe mich als progressiven Menschen. Der gerichtliche Entscheid ist meiner Meinung nach ein Einzelfall. Wenn etwas geändert werden soll, dann kann das über einen Vorstoss im Kantonsrat und eine eventuelle Abstimmung der Bevölkerung gemacht werden. Wie sich die Mehrheit der Stimmberechtigten entscheiden würde, weiss ich auch nicht. Als Demokrat würde ich auch den Wunsch nach einer Anpassung akzeptieren und nicht gross dagegen kämpfen. Doch aus meiner Sicht besteht kein Handlungsbedarf.

 

Schauplatzwechsel: Stocker gegen Brüngger ist auch Fussball gegen Handball. Wie wichtig ist es, dass der Bund, die Kantone und Gemeinden Sportvereine gezielt fördern?

Brüngger: Nach meiner Meinung muss der Breiten- und Spitzensport klar getrennt werden. Der Juniorensport liegt mir sehr am Herzen. Es ist gesellschaftlich wichtig, dass junge Menschen sich bewegen und beispielsweise in die Halle gehen. Im Profisport stecken dahinter Aktiengesellschaften – im Handball gleichermassen wie im Fussball. Da steht nicht der Staat sondern die lokale Wirtschaft in der Verantwortung. Und letztere nimmt diese auch oft wahr. Sportunternehmen haben oft den Anspruch einen Gewinn zu erzielen. Und deshalb gibt es keinen Grund, dass der Bund dafür Geld aufbringen soll.  Beim Breitensport finde ich es gut, wenn der Kanton und die Standortgemeinde Unterstützung anbieten. Und dann gibt es private Organisation wie die Sporthilfe. Es ist wichtig, dass die Wirtschaft die Verantwortung erkennt und mithilft den Staat schlank zu halten anstelle sich in den Windschatten zu stellen.

Stocker:  Wir sind da wohl ähnlicher Auffassung, dass der Breiten- und Jugendsport – auch im Sinne der Integration und Förderung – unbedingt auf allen Ebenen unterstützt werden muss. Bund, Kantone und Gemeinden leisten dazu auch finanzielle Beiträge für die Sportinfrastruktur. Du bei den Kadetten und ich als alter Bierkürvler, Spielvianer und engagierter Kicker beim FC Kantonsspital – wir haben beide davon profitiert. Gerade beim FCS wünsche ich mir wieder mehr Identifikation und eine lokale Wirtschaft, die dahintersteht.

Brüngger: Bei uns den Kadetten gibt es eine gemeinnützige Stiftung für die BBC Arena, den Profiverein, der eine AG ist, und die Junioren sowie den Breitensport dessen Präsident ich bin. Ein Verein steht in der Pflicht sich ordentlich aufzustellen. So kann auch klar erkannt werden, was nun unterstützt werden kann und wo es wirklich unnötig ist.

 

Aber genau wegen mangelnder Unterstützung ist der HC Kreuzlingen gezwungen abzusteigen. Schmerzt das nicht?

Brüngger: Clubmanager sind in der Verantwortung richtig zu haushalten. Es wäre ja gegenüber den sauber agierenden Konkurrenten unfair, wenn eine Mannschaft aufgrund von staatlichen Zuschüssen an die besten Spieler gelangt und so den Aufstieg schafft und gar Meister wird. Aber klar, solch ein Abstieg schmerzt dennoch.

Für Severin Brüngger ist eines der Kernthemen das lokale Gewerbe und die Wirtschaft. Das ist stets im Gespräch mit ihm deutlich zu erkennen. Themen seien nur umzusetzen, wenn man selbst dafür brenne. Bild: Simon Stocker

Gehen wir zum Thema Freizeit und Jugendliche über. Sollten Gastronomen nicht auch finanzielle Beiträge erhalten, so wie Angebote im kulturellen Bereich? Das würde das Angebot stärken und junge Menschen weniger dazu verleiten nach Winterthur oder Zürich in den Ausgang zu gehen.

Stocker: Was die Stadt und der Kanton sehr erfolgreich machen, ist die Leistungsvereinbarung mit Kulturanbietern wie dem Kammgarn...

 

...das sind aber Vereine, keine Unternehmen.

Stocker: Ja, dadurch wird unter anderem auch der Gastro- und Eventbereich mitfinanziert. Für Gastro- und Eventunternehmer selbst kann der Staat aber keine Subventionen sprechen. Als Stadtrat war ich unter anderem für die Bewilligungen zuständig – und da war ich sehr liberal. Ob Glühweinstand oder Boulevardfläche in der Stadt: Ich bin immer der Auffassung gewesen, dass es an optimalen Standorten auch gastronomische Möglichkeiten geben soll. Hier kann und soll der Staat die gesetzlichen Rahmenbedingungen so festlegen, dass die Gastrobranche gut wirtschaften kann.

Liegt es nicht auch daran, dass Jugendliche das Angebot an anderen Orten mehr schätzen?

Stocker: Schon damals gingen die Jungen nach Winterthur, Zürich oder Singen in den Ausgang. Doch das Ausgangsverhalten hat sich verändert, ein Teil bleibt mittlerweile zuhause oder fokussiert sich zum Beispiel auf Sport und andere Aktivitäten.

Brüngger: Ich habe da die gleiche Meinung wie Simon. Man muss aufpassen, dass es bei einer Unterstützung von Gastrobetrieben nicht zu Ungerechtigkeiten kommt. Denn alle Betriebe stehen unter einem grossen Druck und kämpfen gewissermassen ums Überleben. Es muss mit Rahmenbedingungen für einen fairen Wettbewerb gesorgt werden. Wir haben in Schaffhausen sehr innovative Betriebe. In der Unterstadt fühlt man sich wie in den Ferien. Ich sehe eher eine Kehrtwende mit all den Angeboten, die auf die Lokalität setzen, wie der First Friday, und damit Erfolg haben. Bald sehe ich eher die Winterthurer zu uns in den Ausgang kommen.

Simon Stocker will wieder zurück in den Ständerat und seine Arbeit fortsetzen. Zentral sei eine Vernetzung nicht nur innerhalb des Rates, sondern durch alle Netzwerke in Bundesbern. Bild: Severin Brüngger

Verschieben wir uns auf die grosse Bühne, nach Bern. Finden da Schaffhauser Themen überhaupt Anerkennung?

Brüngger: Wenn ich mit dem Regierungsrat darüber spreche, sagen dessen Mitglieder stets, dass sie zu wenig Gehör in Bern finden. Dabei sind wir ein starker Kanton. Wir haben uns aus der Depression heraus zu einem Geberkanton entwickelt. Wir müssen verstärkt und erhobenen Hauptes für Schaffhausen einstehen und in Bern ein Zeichen setzen. Ich wünschte mir einen Ausbau der hiesigen Bildungsinfrastruktur. Dazu gehört eine Fachhochschule. Und wenn Verkehrsinfrastrukturprojekte vergeben werden, müssen wir in den Fokus der Verantwortlichen rücken. Vor kurzem habe ich von einem Supercomputer in Lugano gelesen und fragte mich, warum er nicht bei uns steht.

Stocker: Die Randregionen haben diese spezielle Herausforderung – vor allem dann, wenn man nicht in einem bestimmten Zirkel ist. Sie kämpfen insbesondere mit Fragen rund um die Verkehrsinfrastruktur. Ich habe schon in den eineinhalb Jahren in Bern gemerkt, wie zentral die Vernetzung ist. Und zwar nicht nur im Ständerat, sondern auch tief hinein in die Verwaltung, mit Lobbying in alle relevanten Netzwerke.

 

Eine Zwischenfrage. Was für einen Ruf hat Schaffhausen in Bundesbern?

Stocker: In Bundesbern nimmt man Schaffhausen durchaus wahr – je nach Schlagzeile positiv oder negativ. Ich bin aber der Meinung, dass unser Kanton durchaus mehr Leuchtturmcharakter verträgt. Mit dem neuen Kammgarnareal etwa entstehen genau solche neuen Impulse.

Brüngger: Genau, Schaffhausen wird zwar als sympathisch wahrgenommen, aber eben auch als der Kleine aus dem Norden. Wenn ich Ständerat werde, umfasst meine erste Amtshandlung die Beschaffung aller Telefonnummern der Chefbeamten, damit ich vorbeigehen und für unseren Kanton lobbyieren kann.

 

Die Kandidaten stellen sich gegenseitig je eine Frage.

 

Brüngger: Mein Herz schlägt für das Gewerbe. Deshalb irritiert es mich, dass die Städtischen Werke Aufgräge wegschnappen. Würdest du eine Initiative gegen diese Ungerechtigkeit gleich hier unterzeichnen?

Stocker: Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz, dass man sich zurückhaltend dazu äussert, wie der Stadtrat politisiert, wenn man selbst Teil der Stadtregierung war. Ich sehe das aus der Innenperspektive – auch als ehemaliger Verwaltungsrat der Kraftwerk Schaffhausen AG – und finde nicht, dass ein staatliches Unternehmen grundsätzlich auf wirtschaftliche Aktivitäten verzichten muss. Es soll ein Miteinander geben zwischen dem lokalen Gewerbe und den staatlichen Betrieben.

 

Stocker: Was war die grösste Herausforderung in deiner bisherigen politischen Karriere?

Brüngger: Die schwierigste Situation für mich im Grossen Stadtrat war mein gescheitertes Engagement für das Gewerbe und die lokale Wirtschaft. Ich wollte, das sich die Städtischen Werke auf die Grundversorgung konzentrieren. Meine Argumente schienen mir schlüssig. Am Schluss fand es im Grossen Stadtrat dennoch keine Mehrheit. Das war schwierig und enttäuschend für mich, der sich so eingesetzt hat. Wir hätten sicherlich auch einen Kompromiss finden können.

Sandro Zoller, Ronny Bien, Schaffhausen24
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