Home Region Sport Schweiz/Ausland Magazin Agenda
Gesellschaft
28.01.2025

Beschützer des Heiligen Stuhls

Jan Steinbeisser in der traditionellen farbenfrohen Uniform der Schweizergarde. Damit der Helm wie angegossen sitzt und rasch zur Verfügung steht, wird er mit einem 3D-Drucker hergestellt.
Jan Steinbeisser in der traditionellen farbenfrohen Uniform der Schweizergarde. Damit der Helm wie angegossen sitzt und rasch zur Verfügung steht, wird er mit einem 3D-Drucker hergestellt. Bild: zVg.
Seit bald 520 Jahren beschützt die Päpstliche Schweizergarde den Heiligen Stuhl sowie das Territorium des «Staat der Vatikanstadt». Anfang Mai 2024 trat Jan André Steinbeisser in die Fussstapfen etlicher Schweizer Hellebardiers vor ihm. Neun von mindestens 26 Monaten hat der Gardist bereits in Rom verbracht. Und auch in Zukunft heisst es: Mit allen Mitteln den Papst beschützen – und wenn es sein muss mit dem eigenen Leben.

Am 22. Januar 1506 soll die erste Schweizergarde für den Heiligen Stuhl aufgestellt worden sein. Diese damaligen 150 Gardisten wurden von Externen finanziert, nämlich von zwei Augsburgern, im heutigen Bayern. 21 Jahre später, 1527, fielen 147 der unterdessen 189-Mann starken Einheit der Plünderung von Rom zum Opfer. Die «Sacco di Roma» kann als Höhepunkt kriegerischer Gewaltexzesse, durch ungenügend versorgte und nicht mehr lenkbare Heere aus Söldnern, angesehen werden. Der 126. Tag des gregorianischen Kalenders, der 6. Mai, der einstige Beginn der Plünderungen, gilt daher als Gedenktag der Schweizergarde. Die Überlebenden der Garde wurden nach der Verwüstung Roms freigestellt und eine Zeit lang durch deutsche Landsknechte ersetzt. 

Papst Paul gleiste 1541 ein Projekt zur Wiedererrichtung der Schweizergarde auf. Ursprünglich sollten gar in den sechs päpstlichen Städten weitere Garnisonen mit insgesamt 800 Gardisten aus der Eidgenossenschaft aufgebaut werden. Schlussendlich erhielt nebst dem Heiligen Stuhl nur Bologna eine Einheit. Die Wiederbelebung der Schweizergarde stiess nicht nur auf offene Arme. Denn der Emfpänger des Projekts war Luzern. Ausser Schwyz machten schlussendlich alle katholischen Orte mit. Die Luzerner hüteten ihre Anwartschaft auf die Besetzung der Hauptmannschaft wie ihren Augapfel. Denn nebst Ehre ging mit der Aufgabe ebenfalls eine gewisse politische Macht einher. Diese Vorrangstellung konnten sie bis ins 19. Jahrhunder bewahren. Da es zudem nie Eidgenössische «Spione» im Vatikan gab, übernahm der Kommandant nachrichtendienstliche Aufgaben. 1548 nahm somit die «zweite» Schweizergarde, mit einer Stärke von 200 Mann, die Arbeit auf.

Die Französische Revolution war der nächste Auslöser, dass am 16. Februar 1798 die Garde erneut aufgelöst wurde. Papst Pius VII stellte 1800 die dritte Garde, bestehend aus Söldnern aus der Eidgenossenschaft, auf die Beine. Nur 48 Jahre später musste sie mit Pius IX ins Exil fliehen und wurde durch die kurzlebige «Römische Republik» aufgelöst. Nach der Rückkehr bekam sie wieder alle Rechte und Pflichten zurück.

Die «Päpstliche Schweizergarde» ist die letzte verbliebene Sicherheits- und Schutztruppe des Vatikans. Paul der VI löste 1970 die Nobelgarde, bestehend aus Adligen, sowie die Palatingarde auf und übertrug der Vatikanischen Gendarmerie klassische polizeiliche Aufgaben.

Dienst an der Hellebarde

Der 24-jährige Jan Steinbeisser, zuletzt wohnhaft in Schaffhausen, gehört zu den jüngsten Hellebardieren im Vatikan – noch. Denn bereits am 6. Mai, so wie jedes Jahr, werden die neuen Rekruten vereidigt. Aber weshalb stellt sich jemand überhaupt für diese psychisch und physisch fordernde Aufgabe zur Verfügung? «Ich habe mich für die Schweizergarde beworben, um den Papst zu beschützen, meinen Glauben zu vertiefen und mich als Person weiterzubilden», beschreibt Steinbeisser seine Motivation gegenüber dem «Bock».

Der Wille dazu muss ersichtlich sein. Aber mit ihm allein ist es noch nicht getan. Nach der Bewerbung wurde er zu einem Vorstellungsgespräch, mit den beiden Herrn Oberst und Kaplan, eingeladen. «Erfüllt man die Voranforderungen und wird angenommen, stehen bereits während der Rekrutenschule weitere Tests, auch im Bereich Sport und am Schiessstand, an. Dazu gehörten ebenfalls das Auswendiglernen erster Personen und Orte im Vatikan, sowie Allgemeines zur Garde und der Schweiz, im Zusammenhang mit dem Vatikan und Italien», schildert der Gardist, welcher die Sommer-Rekrutenschule 2022 als Artillerie-Aufklärer in Biere, absolvierte und ergänzt: «Aus dieser Zeit konnte ich Durchhaltevermögen und vor allem Disziplin mitnehmen. Das kommt mir heute bei dieser Aufgabe zugute.»

Erinnerungen, die bleiben

Bereits die Vereidigung bleibe im Gedächtnis fest verankert. Diese sei bis auf das letzte Detail minuziös durchplant. Aus diesem Grund müssen die Rekruten den Ablauf sorgfältig und mehrfach üben. «Der Tag der Vereidigung war aussergewöhnlich, auch wenn ich sehr nervös war», erinnert sich Steinbeisser. Zur Vereinfachung geben die Rekruten nur in einer verkürtzen Form die vorgelesene Schwurformel des Kaplans wieder.

«Am Anfang war ich immer aufgeregt.» Die Routine mache sich aber relativ schnell breit – im positiven Sinne. Der Schichtdienst daure im Schnitt zwischen sechs und zwölf Stunden und werde zu unterschiedlichen Zeiten und an verschiedenen Orten verrichtet. Hobbys, wie etwa Sport, sowie der Ausgang müssen gut geplant sein.

Gardist ist sicherlich nicht der allersicherste Beruf. «Die grössten Gefahren lauern vermutlich an den offiziellen Eingängen, sowie während öffentlichen Audienzen. Für den Ernstfall müssen wir aber jederzeit gewappnet sein.» Und damit die ganze Garde stets bereit ist, gibt es obligatorische Schiess- und Selbstverteidungstrainings sowie Italienischunterricht.

«Mir wird auf jeden Fall die Gemeinschaft in der Garde, das Privileg im Vatikan wohnen und dem Papst begegnen zu dürfen, sowie die Vereidigung und besondere Momente mit anderen Gardisten in Erinnerung bleiben.»

Sandro Zoller, Schaffhausen24
Demnächst