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Wirtschaft
31.01.2022
31.01.2022 18:36 Uhr

100 Tage Vollgas geben

Das Haus Silver Ox (ehemals Ochsen) in Wagenhausen war für Chiara Marty Wohn- und Arbeitsort in den vergangenen 14 Wochen.
Das Haus Silver Ox (ehemals Ochsen) in Wagenhausen war für Chiara Marty Wohn- und Arbeitsort in den vergangenen 14 Wochen. Bild: Lara Gansser, Schaffhausen24
Das Ziel: Lieferketten von Textilien nachvollziehen können und so Kaufentscheide nach den eigenen Werten zu treffen. Seit dem 1. November arbeitet Chiara Marty im Rahmen der 100-Day Challenge im «Silver Ox» in Wagenhausen an ihrer Idee.

Im Silver Ox wird aktuell fleissig getüftelt. Seit dem 1. November wohnt die 27-jährige Chiara Marty in der dortigen 100-Day Challenge-Wohnung, die im ehemaligen Gasthaus Ochsen in Wagenhausen untergebracht ist. Insgesamt 100 Tage hat Chiara Marty Zeit, an ihrer Idee für mehr Nachvollziehbarkeit in der Lieferkette von Textilien zu arbeiten. Der «Bock» besuchte die kreative Projektinitiantin am 87. Tag. 

Chiara Marty stammt aus dem Bündnerland. Nach der Kanti absolvierte sie eine Lehre zur Bekleidungsgestalterin und hängte ein Bachelorstudium in Material- und Verfahrenstechnik an. «Ich wusste schon länger, dass ich etwas eigenes machen will», so Chiara Marty. Von einer Kollegin erfuhr sie von der 100-Day Challenge. «Es passte zeitlich optimal. Ich hatte das Studium abgeschlossen und wollte an meiner Idee arbeiten.» Anfang November war es dann so weit: Chiara Marty bezog ihre Wohnung im Silver Ox in Wagenhausen. 

Austausch zwischen Generationen

Ein wichtiger Teil der 100-Day Challenge ist der regelmässige Austausch mit den Silvers, den erfahrenen Bewohnerinnen und Bewohnern des Silver Ox. Mindestens jede zweite Woche trifft sich Chiara Marty zum Austausch mit den acht Silvers. Sechs davon sind bereits pensioniert, deshalb kann sie auch zwischendurch auf die Erfahrung und Unterstützung ihrer aktuellen Nachbarn zählen. «Es motiviert mich sehr, dass sie mich auf dem Weg begleiten. Sie haben viele wichtige Ideen und grosse Netzwerke.» 

Die Frage nach ihrem Tagesablauf kann Chiara Marty nur schwer beantworten. «Das kommt ganz darauf an. So strukturiert wie am Anfang bin ich nicht mehr», gibt die 27-Jährige zu. Trotzdem steht sie jeden Morgen früh auf, um von ihrer Wohnung in die Arbeitsräume zu wechseln.

Klartext bei Textilien

Unter dem Namen «KLARTEXTil» will Chiara Marty eine Plattform aufbauen, auf der die Konsumentinnen und Konsumenten besser nachvollziehen können, wo ihre Kleidung herkommt. «Als ich in der Schneiderei arbeitete, wurde mir klar, dass das Nähen nur ein Arbeitsschritt von ganz vielen ist. Ich überlegte, wie viele Prozesse es bereits bis zur Anlieferung des Stoffes geben muss.» Dass es sich um ein sehr komplexes Thema handelt, weiss Chiara Marty. Anfangs zielte ihr Projekt auf die Wissensvermittlung ab, doch bald merkte sie, dass Wissen allein nicht ausreicht, um für mehr Transparenz in der Branche zu sorgen. «Sowohl die Läden und Labels als auch die Konsumentinnen und Konsumenten brauchen einen Mehrwert – etwas, dass sie dafür bekommen, wenn sie mitmachen.»

Somit entschied sich die 27-Jährige dafür, dass die Plattform eine Gemeinschaft für Läden und Labels werden soll. Aktuell ist sie auf der Suche nach Läden, die an den kommenden Pilotprojekten teilnehmen werden. «Gemeinsam soll dann erarbeitet werden, welche Werte in Bezug auf Nachhaltigkeit wichtig sind.» 

«Ich lernte sehr viel über mich selbst», so die 27-Jährige über die intensive Zeit seit dem 1. November im Projekt «Silver Ox». Bild: Lara Gansser, Schaffhausen24

Eine Balance finden

«Nicht immer einfach war es, die Balance zwischen meinen Ideen und Vorstellungen sowie den Bedürfnissen der Konsumenten zu halten», so Chiara Marty über die Herausforderungen. Als Beispiel: Für die Kundinnen und Kunden in einem Laden wäre es am einfachsten, wenn ein Ampelsystem die Nachhaltigkeit des Kleidungsstückes kennzeichnen würde. «Das kann aber noch nicht funktionieren. Nachhaltigkeit umfasst so viele Faktoren.» Dass mit den 100 Tagen ein Zeitrahmen vorgegeben war, habe ihr einerseits gutgetan, da sie sich wirklich intensiv dem Projekt widmete. Andererseits sei es nicht in jeder Projektphase angenehm gewesen, unter Zeitdruck zu stehen. «Manchmal dreht man sich nämlich einfach im Kreis herum.» In solchen Momenten tat es ihr gut, auch einmal wieder nach Hause ins Bündnerland zu fahren. 

«Wissen alleine genügt nicht. Ich will etwas bieten»
Chiara Marty über ihre kreierte Plattform

Pragmatischer denken

Chiara Marty hat in der Zeit im Haus Silver Ox sehr viel über sich selbst gelernt. «Ich war auch sehr viel alleine.» Als Ausgleich zu den vielen Tüftelstunden im Haus, war sie immer gerne draussen in der Natur oder am Rhein unterwegs. Auch habe sie so viele Bücher wie noch nie gelesen. «Neuerdings lese ich sogar gerne Business Bücher», so Chiara Marty –überrascht von sich selbst. Noch etwas weiteres nimmt sie aus der Zeit mit: «Manchmal muss ich meine idealistische Art ablegen und pragmatisch denken.» Vielfach komme man weiter, wenn man in kleinen Schritten denkt und nicht von null auf hundert am Ziel ankommen will. 

Öffentliche Abschlusspräsentation 

Bis zur Abschlusspräsentation am 8. Februar kommen jedoch noch einige Stunden Arbeit auf die Teilnehmerin zu, darunter die Produktion eines Videos oder Podcasts sowie die Aufschaltung des Blogposts. Denn wenn sie ihre gesetzten Ziele nicht erreicht, wird Chiara Marty als Wetteinsatz 100 Stunden in der Flickstube von Caritas arbeiten. «Aber ich bin natürlich zuversichtlich, dass ich es schaffe», so die Bündnerin. Noch vor dem Abschluss steht diese Woche ein erneuter Austausch mit den Silvers auf dem Programm. «Ich bin gespannt, was sie zu meinen neusten Entwicklungen und Ideen sagen.» 

Die Abschlusspräsentation findet am Dienstag, 8.Februar, um 19.00 Uhr via Zoom statt und ist für alle Interessierten öffentlich zugänglich.

Meeting-ID: 814 6781 2674

Kenncode: 838251

Chiara Marty teilte sich die 100-Day Challenge in verschiedene Arbeitsphasen ein. Die Idee entwickelte sich so von Woche zu Woche weiter. Bild: Lara Gansser, Schaffhausen24
Lara Gansser, Schaffhausen24
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