Home Region Sport In-/Ausland Magazin Agenda
Gesellschaft
27.12.2021

«Dieses Blabla nervte mich»

«Ich finde, es gehört in einen Diskurs, verschiedene Meinungen zu betrachten und aushalten zu können.» Nora Hurter über Diskussionen mit andersdenkenden Mitstudierenden.
«Ich finde, es gehört in einen Diskurs, verschiedene Meinungen zu betrachten und aushalten zu können.» Nora Hurter über Diskussionen mit andersdenkenden Mitstudierenden. Bild: Yves Keller, Schaffhausen24
Die Schaffhauserin Nora Hurter studiert in Basel Theologie. Sie selbst sei nicht religiös, sagt sie. Weihnachten sei für sie mehr ein kulturelles Fest. Und trotzdem findet sie, dass die christliche Theologie für die Gesellschaft wichtig sei.

Die vergangenen Weihnachtstage hat Nora Hurter, wie unzählige andere Menschen in der Schweiz auch, mit ihrer Familie verbracht. Es gab ein feines Nachtessen und besinnliche Momente. Trotz ihres Theologiestudiums sagt sie aber: «Die religiöse Bindung zu Weihnachten fehlt mir.» Das macht sie auch an der theologischen Fakultät der Universität Basel zu einer Ausnahme: «Die meisten meiner Mitstudierenden sind sicher viel gläubiger als ich. In den Seminaren nehme ich dann jeweils eine Gegenposition zu ihnen ein. Ich finde das gehört in einen Diskurs, verschiedene Meinungen zu betrachten und aushalten zu können.»

Kulturelles Interesse

Während ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen an der Universität Basel sich vor allem aufgrund ihres Glaubens für das Theologiestudium entschieden haben, waren es bei Nora Hurter einige Erlebnisse in Diskussionen, die sie wütend machten. «Ich nervte mich schon an der Kanti extrem darüber, wenn jemand sagte: ‹In der Bibel steht, Homosexualität sei verboten.› Ich war der Meinung, um diesem Blabla entgegnen zu können, muss ich besser wissen, wovon ich spreche.» Bereut habe sie diesen Entscheid nie, das Studium empfindet sie als äusserst spannend, denn auch ohne einen tieferen Glauben sehe sie die Wichtigkeit und die historische Bedeutung des Christentums: «Bei mir steht das kulturelle Interesse im Vordergrund. Die Grundwerte, die wir in der Bibel finden, sind in unserer Kultur nach wie vor omnipräsent.»

Sprachtalent

Neben Theologie studiert Nora Hurter auch Germanistik, beides im Hauptfach, was aussergewöhnlich ist. Das brauche viel Zeit, aber das Studium sei für sie sehr spannend. Und auch ausserhalb der Universität bildet sie sich weiter. Insbesondere in verschiedenen Sprachen. Jede Woche besucht sie einen Rätoromanisch-Kurs. Als Kind schon habe ihr diese Sprache gefallen und so setzte sie sich zum Ziel, sich in allen vier Landessprachen verständigen zu können. Die Frage, wie viele Sprachen sie denn kann, scheint ihr im Gespräch peinlich zu sein. Trotzdem zählt sie etwas zögerlich auf: «Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch, Neuhebräisch, Schwedisch, sowie die alten Sprachen Latein, Altgriechisch und Althebräisch.» Kaum hat sie die Sprachen aufgezählt, schiebt sie, fast schon beschwichtigend, nach: «Ich kann aber nicht alle Sprachen gleich gut und in Mathematik bin ich sehr schlecht.»

Aus bekanntem Haus

«Ich kann es verstehen, dass Leute mich auf meine Eltern ansprechen», sagt die 25-Jährige schmunzelnd. Ihre Eltern, das sind die Schaffhauser Regierungsrätin Cornelia Stamm Hurter und der Schaffhauser Nationalrat Thomas Hurter. Sie sei stolz darauf, was ihre Eltern durch ihre Arbeit erreicht haben, betont sie: «Ich bin manchmal aber auch froh, dass ich hier in Basel etwas anonymer unterwegs bin und die Leute mich nicht ständig auf meine Eltern ansprechen.» Insbesondere als Kind und Jugendliche sei das teilweise sogar belastend gewesen. Ein paar Mal sei es passiert, dass Lehrpersonen, die politisch andere Ansichten hatten als ihre Eltern, Nora Hurter mit ihren Eltern gleichsetzten: «Ich war dann die Böse und konnte als Kind und auch in der Jugend nicht so richtig damit umgehen.» 

Integrationshelferin

Ausserhalb des Studiums engagiert sich Nora Hurter als freiwillige Helferin beim Roten Kreuz. Im Lockdown telefonierte sie stundenlang mit Seniorinnen und Senioren und sie betreut über einen längeren Zeitraum ein Flüchtlingspaar aus Eritrea. «Ich helfe ihnen bei verschiedenen Fragen und Problemen, die sich ihnen in der Schweiz stellen. Diese Arbeit gibt mir einen Einblick in eine andere Kultur und die Möglichkeit, aktiv etwas für einen gelungenen Integrationsprozess zu machen.» Unterdessen sei aus der Arbeit mit dem eritreischen Paar eine tiefe Freundschaft entstanden. Auf die Arbeit des Roten Kreuzes angesprochen, meint Nora Hurter: «Es ist bewundernswert, dass es eine Organisation gibt, die weltweit akzeptiert ist und für humanitäre Hilfe steht.» Eine Organisation, die auf dem christlichen Glauben fundiert, heute aber auch ohne diesen Hintergrund durchaus funktioniert. Ein bisschen wie das Theologiestudium von Nora Hurter. 

Yves Keller, Schaffhausen24